stilvoll glauben
31.10.2014 - 11:00 Heiko Kuschel

Sterben ist nicht so einfach

Eigentlich müsste ich heute natürlich etwas Lustiges über Reformationsfest oder Halloween oder vielleicht auch beides gleichzeitig schreiben. Wem nach solchen Dingen ist, dem sei der Artikel „Lustig Lecker Luther Lutschen“ aus dem Archiv empfohlen.

Heute bewegte mich aber eine Meldung doch sehr: Die schwer krebskranke Brittany Maynard, 29 Jahre, aus den USA, hat ihren Tod verschoben. Eigentlich wollte sie morgen selbstbestimmt sterben, weil sie ihre Schmerzen und ihre Krankheit nicht mehr aushalten kann. In Oregon, wo sie nun lebt, ist das möglich.

Dazu hatte sie in den letzten Wochen und Monaten ihre „Bucket List“, eine ganze Liste von Dingen „abgearbeitet“, die sie gerne noch erleben wollte in ihrem Leben. Reisen unternommen, natürlich mit ihrer Familie. So, meinte sie, würde sie dann endlich, wenn ihre Liste leer ist, guten Gewissens und in Frieden Abschied nehmen können. Am 1. November 2014 wollte sie selbstbestimmt sterben.

Man kann zu diesem Thema unterschiedlicher Meinung sein. Ehrlich gesagt: Ich bin mit mir selber uneins. Der Theologe in mir sagt: Wir haben unser Leben nicht in der Hand. Es ist ein Geschenk, das wir nicht einfach so  wegwerfen dürfen, nur weil es schwer, anstrengend, ja über die Maßen belastend und schmerzhaft geworden ist. Der Seelsorger in mir hat schon etliche Menschen gesehen, die am Ende waren. Die gefragt haben: Hat Gott mich vergessen? Warum kann ich nicht sterben? Warum muss ich all das erleiden und erdulden? Der Prozess des Sterbens kann lang und grausam sein. Nicht alle Menschen schlafen friedlich im Bett ein, im hohen Alter müde vom Leben.

Auch in Deutschland ist diese Diskussion in der letzten Zeit sehr hochgekocht, nicht zuletzt durch das Bekenntnis von Nikolaus Schneider, er würde seiner Frau Sterbehilfe ermöglichen. Der gleiche Konflikt, den wir so oft kennen: Zwischen Theologie und Seelsorge.
Brittany Maynard hat nun für sich eine Entscheidung getroffen, die mich nicht sehr überrascht, um ehrlich zu sein: Sie will doch noch nicht sterben. Ja, eines Tages wird sie das, da führt kein Weg dran vorbei. Und es wird wohl nicht mehr allzu lange dauern. Vielleicht wird sie doch noch eines natürlichen Todes sterben. Vielleicht wird sie doch die Sterbehilfe in Anspruch nehmen, irgendwann, aber nicht jetzt. Das Leben ist einfach zu schön. Die Familie zu nah. Und sie will es ihrer Mutter nicht antun. Sie kann noch nicht gehen.

Ich bin erleichtert, dass sie so entschieden hat. Ich bin erleichtert, dass ihr Lebenswille fürs erste gesiegt hat. Ich bete um Stärke für sie. Es ist so leicht zu sagen: „Solche Dinge gehören zum Leben dazu und geben ihm erst die echte Tiefe“ - wenn man nicht selber drinsteckt. Ich wage es nicht, ein Urteil abzugeben über sie und ihren Plan und hoffe doch, dass sie durchhält.

Eines aber hat sie auf jeden Fall wirklich gut gemacht: Ihre „Bucket List“. Dinge, die sie unbedingt noch erledigen wollte vor ihrem Tod. Und ich frage mich: Warum musste sie dazu erst todkrank werden? Und wann fangen wir an, unsere eigene „Bucket List“ zu erstellen und diese Dinge auch wirklich zu tun? Schließlich werden auch wir eines Tages sterben, so viel ist sicher.
 

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