stilvoll glauben
24.10.2014 - 18:03 Heiko Kuschel

kirchlicher Porno

Oh je oh je. Die Kirche und der Sex. Ein schwieriges Thema, in der Tat. Ein bisschen verkürzt dargestellt, ist der große Kirchenlehrer Augustinus (354-430 n. Chr.) an dem ganzen Schlamassel Schuld. Er erfand nämlich (mehr oder weniger) die Lehre von der Erbsünde, nach der alle Menschen von Geburt oder besser gesagt von der Zeugung an sündig sind und sich selbst aus dieser Sünde nicht befreien können. Und diese Sünde wird quasi wie eine ansteckende Krankheit übertragen. Nämlich durch den Akt, der nun mal zur Entstehung eines neuen Lebens führt: Sex! Jawohl! Puh, jetzt isses raus.

Da wir ja natürlich kirchlicherseits gegen Sünde sein müssen, müssen wir, so die logische Konsequenz der Alten Kirche, auch gegen dieses unaussprechliche Dings mit drei Buchstaben sein. Im Lauf der Jahrhunderte entwickelte sich daraus eine gewisse, sagen wir mal, kirchliche Leibfeindlichkeit.

Heute ist natürlich manches anders. Nicht ohne Stolz zeigen Pfarrerinnen und Pfarrer den Konfis (die sich überhaupt nicht dafür interessieren) das Hohelied der Liebe. Weisen darauf hin, über welch teilweise ziemlich abstrusen Techtelmechtel in der Bibel berichtet wird. Wie sehr Erotik und Sexualität, überhaupt der ganze Leib, in der Bibel als ein schönes, ja wunderbares Geschenk Gottes betrachtet werden.

Doch dann, ach, schlägt die jahrtausendealte Tradition doch wieder zurück. Zwar gibt es zumindest bei uns kaum Diskussionen darüber, ob Sex vor der Ehe erlaubt sein könnte oder nicht (das interessiert eh keinen, das machen die jungen Leute einfach). Aber zu einem gut christlichen Leben scheint es dann doch zu gehören, seine Sexualität nach den Moralvorstellungen des Biedermeier auszuleben. Also: Eher gar nicht, oder wenn, dann bitte nur zu Hause, Vorhänge zu, und bitte nicht zu laut, und eventuell vielleicht besser auch nicht allzu viel Spaß dabei haben, danke.

Zumindest in evangelischen Kirchen setzt sich immer mehr die Überzeugung durch, dass Sexualität etwas Gutes, Gottgegebenes ist, das wir genießen dürfen und sollen. Auch in verschiedenen Ausprägungen. Auch in Formen, die von der Biedermeier-Form mehr oder weniger stark abweichen. Um das mal am Rand zu erwähnen: In unserer bayerischen Landeskirche haben wir mehrere Pfarrerinnen und Pfarrer, die in einer eingetragenen gleichgeschlechtlichen Partnerschaft im Pfarrhaus leben. Und auch eine transsexuelle Pfarrerin. Alles möglich bei uns.

Darum fand ich es etwas traurig und auch befremdlich, was nun vom Diakoniewerk in meinem schönen Geburtsort Neuendettelsau berichtet wurde. Das hatte einer Erzieherin nämlich fristlos gekündigt, weil sie in ihrer Freizeit als Pornodarstellerin tätig war. „Julia Pink“ ist ihr Pseudonym, vielleicht kennen Sie sie ja sogar (ich nicht, aber das macht nichts. Vielleicht sollte ich mal dienstlich Pornos googeln und gucken? Erzählen Sie's bitte nicht meiner Frau. Ach, die wird den Artikel hier sowieso lesen, Mist.)

Stellt sich erst mal die Frage: Wie haben die das überhaupt herausgefunden? Und dann, viel ernster: Warum ist das so schlimm? Warum darf eine Mitarbeiterin der Kirche nicht ihre Sexualität ausleben? Warum erzählen wir so stolz vom Hohelied der Liebe, aber wenn eine kirchliche Mitarbeiterin ihre eigene Form der Sexualität lebt, dann wird ihr gekündigt? Ja, bis zu einem gewissen Grade kann ich es nachvollziehen, menschlich, weil wir so geprägt sind. Aber theologisch – nein. Auch für Jesus ist nicht entscheidend, was jemand ist: Selbst die „Huren“ sind bei ihm willkommen, denn es geht um den Glauben, nicht ums Leben. (Mt 21, 31f.)

Hat „Julia Pink“ nun also ihre Verpflichtung zu einem christlichen Lebenswandel verletzt? Zumal sich offenbar, soweit ich die Berichte überblicken kann, alle einig sind, dass sie ihre Arbeit als Erzieherin hervorragend gemacht hat. Ich glaube: Nein. Sie hat Ernst gemacht mit der eben-gerade-nicht-Leibfeindlichkeit der Bibel.  Und hat uns damit gezeigt, wie sehr wir oft noch in mittelalterlichen Denkstrukturen verhaftet sind.

Zugegeben: Das kann man auch anders sehen. Und auch das Gericht kam zu dem Schluss, dass eine Hauptrolle in einem Pornofilm nicht dem geforderten christlichen Lebenswandel entspricht.

Irgendwie habe ich an dieser Stelle das Gefühl, das Manfred Josuttis in den 80ern in seinem Buch „Der Pfarrer ist anders“ auf den Punkt brachte: Die Menschen leben zwar nicht mehr nach den alten moralischen Normen, aber sie sehnen sich trotzdem nach der alten, Halt gebenden Ordnung. Irgend jemand muss es gewissermaßen stellvertretend für sie tun. Sprich: So leben wie damals, als gefühlt noch alles gut war. Also damals, in der guten alten Zeit, die nur deshalb so gut war, weil sie so lange her ist, dass keiner mehr lebt, der davon berichten könnte. Irgend jemand muss so leben, die alten Werte hochhalten. Das sind dann bitteschön die Pfarrer(-innen). Oder eben andere berufsmäßige Christinnen und Christen. Also bitteschön keine christliche Pornodarstellerin!

Das Gericht wäre aber kein Gericht, wenn es nicht praktischerweise auch einen ganz formalen Grund für eine – nun allerdings fristgerechte – Kündigung gefunden hätte: „Julia Pink“ hatte ihre Nebentätigkeit als Pornodarstellerin nicht ordnungsgemäß ihrem Arbeitgeber gemeldet, wie es dem Dienstrecht entspricht. Da fällt mir jetzt nix mehr zu ein.

 

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