stilvoll glauben
22.10.2014 - 17:10 Heiko Kuschel

Der Pfarrer tritt auf

Heute ist schon wieder Mittwoch. In den Köpfen vieler Pfarrerinnen und Pfarrern breitet sich langsam, aber behäbig Panik aus: Was ist eigentlich der Predigttext für Sonntag? Worüber soll ich predigen, mal ganz abgesehen von diesem Text? Und bis wann braucht die Organistin nochmal die Lieder und welche nehme ich, damit es nicht immer dieselben sind?

Nach landläufiger Meinung tun Pfarrerinnen und Pfarrer schließlich nichts anderes, als sich Sonntags eine Stunde in die Kirche zu stellen, davon eine gewisse Zeit auf der Kanzel, und dort mehr oder weniger salbungsvolle Worte von sich zu geben.

Da wollen diese Wort schon wenigstens ein wenig inszeniert sein. Orgelmusik! Tusch! Eine Tür öffnet sich und lässt den Pfarrer, die Pfarrerin ein auf die Kanzel, den Ort der Verkündigung dessen, was er/sie sich panisch am Sonntagmorgen zusammengekritzelt respektive. die ganze Woche über in großer Andacht zu einem literarischen Gesamtkunstwerk komponiert hat.

Ein bisschen erinnert mich das an das gute alte Improvisations-Theaterstück „Der König tritt auf – im Gefolge seine ergebene Königin“, das schon in vielen angeheiterten Gruppen für Gelächter gesorgt hat. Vielleicht kennen Sie es ja auch, wenn nicht: Googeln Sie mal. Doch hier: der Pfarrer tritt auf. Ohne Gefolge. Natürlich auch die Pfarrerin.

Jede Gemeinde hat da so ihre eigene Lösung entwickelt, wie dieser Auftritt des Pfarrers, der Pfarrerin vonstatten gehen soll. Da gibt es Kirchen, in denen der Pfarrer erst mal in der Sakristei verschwinden, dort die richtige Tür finden, dann eine enge Treppe hochstolpern (machen Sie das mal mit knöchellangem Talar!) und schließlich völlig verschwitzt oben eine Tür öffnen, über die Schwelle stolpern und fast der Gemeinde wieder vor die Füße fallen muss bzw. kann. Andere haben nur ein etwas schöner gestaltetes Stehpult, ganz offen, Treppe – sofern vorhanden – gut sichtbar. In der St. Johanniskirche Schweinfurt gehört das goldengelverzierte Geländer der Kanzeltreppe gar zum Gesamtkunstwerk der Kanzel und ist frontal der Gemeinde zugewendet. Die hinaufstolpernde Pfarrerin dahinter sieht man vermutlich gar nicht.

In modernen Kirchen gibt es ja meist nur so eine kleine Erhöhung, je nachdem zwischen ein paar Stufen und doch nahezu einem halben Stockwerk. Schade jedoch: Diese Kanzeln berauben die Pfarrerin jeglicher Möglichkeit, ihren eigenen Auftritt dramatisch zu gestalten, denn die hinaufführende Treppe ist ja von überall einsehbar.

Eine kleine Stadtgemeinde (ich verrate nun nicht, welche) hat dafür eine ganz eigene Lösung gefunden: Einen Vorhang im Nichts! Zwischen dem Ende der Freitreppe und der eigentlichen Kanzel, dort, wo bei anderen Kanzeln manchmal eine Tür zu finden ist, hängt ein einfaches Metallgerüst irgendwie in der Luft herum. Daran befestigt: Ein wunderschön (räusper) gestalteter, einfacher, dunkelgraubraunfarbener, leicht mottenzerfressener und sowieso schon etwas zerrissener Vorhang.

Vermutlich gibt es in dieser Kirchengemeinde eine mündliche Vereinbarung, dass die Gottesdienstgemeinde gegen Ende des Liedes vor der Predigt einfach die Augen zumacht, damit sie die Pfarrerin nicht die Treppe hinaufstolpern sieht. Dann: Ratsch! Vorhang auf! Augen auf! Pfarrerin stolpert nach vorn. Ratsch! Vorhang zu. Welch ein dramatischer Auftritt! Ganz gebannt hängt die Gemeinde an den Lippen der Pfarrerin. Amen. Ratsch! Vorhang auf! Pfarrin tritt ab! Ratsch! Vorhang zu! Augen zu! Pfarrerin stolpert die Treppe runter. Orgel spielt. Augen auf.

Wäre ich Gemeindeglied, ich hätte die ganze Predigt über Sorge, dass sich dieser seltsame Vorhang, der sich natürlich auch immer ein wenig bewegt, in diesen mysteriösen Vorhang in der Kammer des Todes bei Harry Potter verwandelt. Sie wissen schon: Dahinter hört man leise Stimmen wispern. Und Sirius Black, der Patenonkel von Harry Potter, fällt durch jenen Vorhang – und verschwindet für immer aus dem Land der Lebendigen. Andererseits: Als Christen brauchen wir ja sowieso keine Angst vor dem Tod zu haben. Also können wir unsere Pfarrerinnen und Pfarrer auch durch Vorhänge stolpern lassen. Amen!

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