Das Altpapier
27.08.2014 - 09:57 Christian Bartels

Eine Zeitungsseite zum Einrahmen

Wer was wie Wowi? Berlin quietscht und brummt. Wer schießt den Vogel ab bei den Flughafenwitzen? Außerdem: die nächste faustdicke Chefredakteurs-Abgangs-Überraschung. Lag auch das an Berlin?

FAZ-Seite 3 (27.8.2014)Hier in der Hauptstadt ist man ja doch bewegt von der Rücktrittsankündigung des Regierenden. Und weil klassische Presseschau schließlich zur DNA, wenn nicht gar DNS des Altpapiers gehört, blättern wir erst mal die Medien durch auf der Suche nach den flottesten Sprüchen zu Klaus Wowereit. Wer schießt den Vogel ab bei den Flughafenwitzen?

Die SZ hat ein ausdrucksstarkes Titelseiten-Foto gewählt (meedia.de-Ansicht). "Klaus Wowereit ist jetzt doch schneller fertig geworden als der neue Berliner Flughafen. Erinnerungen an einen Aufsteiger, der noch im Sturzflug ganz bei sich selbst bleibt", überschreiben Constanze von Bullion und Jens Schneider ihren Seite-3-Text. "Freiwillige Notlandung", legt Nico Fried auf der nächsten Seite nach und hat in der Nachfolge-Frage auch noch einen: "Die Grünen haben deshalb recht mit ihrer Forderung nach Neuwahlen - und werden doch nichts bewirken. Nicht vom Volk gewählt zu werden, ist für manchen Berliner Spitzensozi die beste Chance, überhaupt gewählt zu werden".

Die FAZ bringt anstelle des Titelseiten-Fotos eine Karikatur der ja auch nicht mehr über alle Verdächte erhabenen Greser & Lenz. Dazu kommt ein großer Leitartikel Jasper von Altenbockums, "Wowereits Likör" lautet die Überschrift:

"Klaus Wowereit trat so zurück, wie er dreizehn Jahre lang im politischen Abenteuerland namens Berlin regierte: kaltschnäuzig, aber mit einer Miene,  als bestehe politische Macht aus einem ganz speziellen Likör. Das aber war schon immer Fassade."

Noch im selben Absatz ist dann vom "Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte", die Rede. Von Altenbockum behauptet allerdings nicht ausdrücklich, dass das ganze Fass mit Likör gefüllt war, und bietet großes Metaphernkino ("Unter Wowereit wurde zwar gespart, 'dass es quietscht', aber das führte nirgendwo dazu, dass es brummt").

Die FAZ ist das Zentralorgan des Binnenpluralismus. Ihre Seite 3 ist die oben angesprochene Zeitungsseite zum Einrahmen (siehe nun auch unser Foto!). "Der Riese unter den Zwergen" heißt Mechthild Küppers Artikel. Der Einrahmenswert liegt natürlich vor allem in den beiden Fotos begründet. Bildkomposition, Wowis Posen sowie Farbgebung (Kleidung und Hintergrund) harmonieren kongenial. "Der Regierende Bürgermeister trug Blau, die Farbe der Treue. Der Anzug blau, die Krawatte dazu blau, wenn auch in einer Schattierung, die ältere  Berliner an die Uniform der BVG-Abfertiger in den U-Bahnhöfen erinnerte", berichtet Küpper von der Rücktrittsankündigungs-Pressekonferenz.

Das obere Foto ist mit der Legende "Klaus Wowereit in seinem Amtszimmer im Roten Rathaus Anfang 2013 mit einem Geschenk des Schaustellerverbandes" unterschrieben. Kleine Onlinerecherche in simulierter Echtzeit, ob es im Netz verfügbar ist. Dieses (Kontext) ist's nicht. Dieses auch nicht, es zeigt aber das nämliche Geschenk, das auf dem FAZ-Bild bloß besser, seitlich, zur Geltung kommt. Bei Interesse kaufen Sie sich halt mal 'ne FAZ, die kann's auch gebrauchen, und der Artikel ist ebenfalls nicht übel: "Am Ende kam so mancher Unzufriedene zu dem überraschenden Ergebnis, dass Wowereit zwar vieles vorzuwerfen sei, er aber dennoch unter den Berliner Zwergen als wahrer Riese dastehe."

Die Bild-Zeitung macht auf der Print-Titelseite mit Heino auf und fährt im kostenpflichtigen Online-Bereich den Experten Thilo Sarrazin mit einer überraschenden Analyse ("Arm, aber sexy - das reicht heute nicht mehr...") auf. Frei online gibt's u.a. einen Liveticker vom Rücktritts-Tag. "18.32 Uhr: Wowereit ist zu Hause. Feierabend", weiß Bild-Reporterin Sylvia Jost (33) zu berichten. Sie scheint, im Umfeld auch nicht selbstverständlich, die Privatsphäre des Berichterstattungsobjekts gewahrt zu haben. Ein verwackeltes Foto, auf dem Wowi "lachte, tanzte, wie befreit", hatte Jost freilich bereits am Vorabend gegen 21.00 Uhr geschossen

Funkes Berliner Morgenpost, die bild.de zufolge um 10.31 Uhr als erste die Rücktritts-Sensation vertwittert hatte, bringt heute nach eigenen Angaben "sieben Sonderseiten". Auf der Titelseite kommentiert der aus Funk und Fernsehen bekannte Hajo Schumacher. Wäre das Altpapier eine Politikkolumne, müsste ferner Daniel Friedrich Sturms Artikel "Wie Wowereit von der Kultfigur zum Buhmann wurde" in Springers Welt ("Gewiss, die Häme über den 'Regierenden Partymeister' oder über seine Posen (unvergessen der Stiletto in der einen, die Flasche Champagner in der anderen Hand) besaß immer den Beigeschmack des Kleinkarierten. Bei Wowereit war diese Art der Inszenierung Masche, er versuchte sich als Lifestyle-Politiker. Er wollte sich derart abheben von all den grauen Gremienpolitikern, vom Prinzip der Mittelmäßigkeit") Aufmerksamkeit erfahren. Beachten Sie auch die Welt kompakt-Titelseite.

Schalten wir zur TAZ: "Berlin, 26. 8., 13.07 Uhr: Erster Abflug geschafft", geht dort der Titelseiten-Witz. Dort auch, endlich, die Überschrift "Und das ist auch gut so":

"Berlin ohne Wowereit? Das ist, als würde man einen alten, stumpf gewordenen Sessel in den Sperrmüll bringen, den man früher sehr mochte",

schreibt darunter Stefan Reinecke, der natürlich weiß, dass in Berlins coolen Kiezen auf nur wenigen der schön breiten Bürgersteige keine alten Sessel zum Chillen einladen. Wäre das Altpapier eine Politikkolumne, müsste noch die Lanze beachtet werden, die er en passant für die Bundespolitik bricht ("Die SPD im Bund verliert mit Wowereit - nichts. Dass er medial als linker Frontmann oder sogar Kanzlerkandidatenkandidat gehandelt wurde, war ein doppeltes Missverständnis: Sonderlich links war er nie, und für die Bundespolitik fehlten Ehrgeiz, Format, Intellektualität"). Intellektualität? Wen hat er denn da vor Augen, Sigmar Gabriel?

Der Berliner Zeitungs-Feuilletonist Harald Jähner ist's, der dann auch, erneut endlich, eine Lanze für das ähnlich bekannte "Arm, aber sexy" bricht. "Klaus Wowereits Sinn für soziale Erotik" lautet die Überschrift. Was die Wowi-Ära u.a. ausmache:

"Eine fast südländische Entspanntheit, aber auch große Neugier bestimmt inzwischen den öffentlichen Raum; selbst an so ungemütlichen Orten wie dem Potsdamer Platz bewegt [sic] sich inzwischen viele Menschen in so interessanter Mischung, dass man unwillkürlich langsamer geht, um die Stadt ein paar Augenblicke länger zu genießen. Man lebt hier, wo andere Urlaub machen."

Schnell gehen lässt sich auf dem Potsdamer Platz aber sowieso selten, so wie es dort vor Touristen (und gewiss  interessiert flanierenden Berlinern) brummt.

Eine der notorischen So-lacht-das-Netz-Umschauen mit noch viiiel mehr Flughafenwitzen hat der Berliner Tagesspiegel kuratiert, auf dessen Print-Titelseite unter der Zeile "Dit is Bärlin" Stephan-Andreas Casdorff u.a. einen "alten Song von Hilde Knef, der Sünderin", Revue passieren lässt. Die emsige Tsp.-Medienredaktion schließlich kam auf den Einfall, die Breaking-News-Fernseh-Berichterstattung zur Rücktrittsankündigung anzusehen. Zur offiziellen Pressekonferenz um 13.00 Uhr hatte

"der öffentlich-rechtliche TV-Sender aus der Hauptstadt und dem Brandenburger Umland ... für die spektakuläre Ankündigung die Sendezeit von 'RBB aktuell' von fünf Minuten auf eine halbe Stunde verlängert. Noch während der Fragerunde und einer kurzen Einordnung durch Reporter Boris Hermel verließ der RBB jedoch die Veranstaltung. Im Studio wurden noch  einige Stationen aus Wowereits politischer Laufbahn inklusive Bildern mit Thomas Gottschalk gezeigt, dann kehrte der Sender zu seinem gewohnten  Programm - Folge 463 der Serie 'In aller Freundschaft' - zurück."

Freunde der gehobenen Fernsehserie wissen, dass der RBB keineswegs "In aller Freundschaft"-Erstausstrahlungen zeigt, sondern wie alle Dritten das Abnudeln aller nicht zu alten ARD-Produktionen für seinen Grundversorgungsauftrag hält. "Am ausführlichsten fiel die Berichterstattung bei n-tv aus", hat Tsp.s Kurt Sagatz registriert, zur feinsinnigen Illustration seines Artikels aber einen Screenshot von Phoenix verwendet, auf dem unter Wowi in treuem BVG-Blau auf einem Laufband von "Richard Löwenherz" zu lesen ist.

[+++] Damit sind wir unwillkürlich in der engeren Nische der Medienmedien angelangt, wo die große, sich zurzeit in großen Personalien äußernde Printkrise ihre Entertainment-Qualitäten unter Beweis stellt: Noch während sich alle Augen auf Wolfgang Büchner richteten, den etwas angeschlagenen Spiegel-Chefredakteur (und manche den Echtzeit-Erscheinungen entrückte Zeitgenossen vielleicht rätselten, ob die Büchner-/ Ice Bucket Challenge-Meldungen ein Witz oder wahr waren oder beides), kam die "Publishing Hammernachricht" (meedia.de) aus einer völlig anderen Ecke. In einer "komplett überraschenden" Wendung, die jedem öffentlich-rechtlichen Schmunzelthriller zur Ehre gereichen würde, schließlich hätten selbst Insider "vor einem halben Jahr ... damit gerechnet, aber nicht heute" (Tagesspiegel), feuerte statt des Spiegels der Focus, der alte Rivale aus München, seinen Chefredakteur.

"Vielleicht war Berlin aber auch einfach das größte Missverständnis beim Focus",

heißt es im größten und grundsätzlichen ("In diesen unruhigen Zeiten mit sinkenden Auflagen ist viel die Rede von der DNA von Medien") Artikel dazu, den die Süddeutsche unter der Überschrift "Münchner Dämmerung" bringt. Dort steigt Claudia Fromme mit der dienstäglichen Redaktions-Videokonferenz um 10.30 Uhr szenisch ein, bei der sich "die eine Hälfte der Redaktion", die Jörg Quoos, der nun schon ehemalige Chefredakteur, nach Berlin hat umziehen lassen, mit der anderen, in München verbliebenen Hälfte unterhält. Quoos selbst weilte in Berlin, als er sich von den Mitarbeitern verabschieden musste. Aus München seien die Initiativen dazu ausgegangen, sind die Auguren sich einig.

Der Nachfolger Ulrich Reitz wolle laut Fromme,

"so wissen manche beim Focus, das Magazin wieder als Blatt mit wirtschaftsliberaler Stimme positionieren. Statt einer kühlen Nachrichtenfabrik, die vor  allem vom Tagesgeschäft getrieben ist, setze er auch auf 'eine Portion Biergarten', was man ja durchaus mal für die DNA des Münchner Magazins halten konnte."

Dass der Gründer und Münchner Helmut Markwort auch "ein entscheidendes Wort mitgesprochen hat", weiß wiederum der Tagesspiegel. Und Ulrike Simon (Berliner) weiß noch:

"dass das von ihm", Quoos, "trotz Stellenabbau zuletzt teuer eingekaufte Personal nicht unbedingt überzeugt hat und ihm das Zutrauen fehlte, eigene Themen zu setzen. Von Verleger Hubert Burda heißt es, lieber als im Nachrichtenstrom mitzuschwimmen, wünschte er sich von Focus, klare Position mit eigenen Geschichten zu beziehen",

und Reitz solle "ganz heiß auf den Job" bzw. die "schier unmögliche Aufgabe" gewesen sein, den allgemeinen Auflagenverfall ausgerechnet beim Focus zu stoppen.

Den konkretesten Ansatz für die "unterschiedliche Auffassung bezüglich der künftigen Ausrichtung des Magazins", von der Burda offiziell spricht, hat Michael Hanfeld auf der FAZ-Medienseite:

"... die Bewegung auf ... dem Markt der Sonntagszeitungen. Der 'Spiegel' hat  angekündigt, zum Jahreswechsel seinen Erscheinungstag vom Montag auf den Samstag vorzuziehen. Damit bliebe der 'Focus' am Montag allein. Was nach einem Vorteil aussieht, aber nicht unbedingt einer sein muss. Am Wochenanfang können die Leser am Kiosk zurzeit zwischen zwei Nachrichtenmagazinen  wählen - die Konkurrenz belebt hier das Geschäft. Bliebe der 'Focus' am Montag, lägen 'Stern', 'Zeit', 'Bunte' (Donnerstag), 'Spiegel' (Samstag),  'Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung', BamS und WamS vor ihm. Die Frage ist, was dann vom Leserinteresse übrig ist."

Vielleicht müsste eine gute Marketingagentur mit einer cleveren Kampagne den zwar der Bibelpraxis widersprechenden, aber in weiten Teilen der Gesellschaft ja doch zumindest verankert gewesenen Eindruck wiederbeleben, dass der Montag nicht etwa nach Donners-, Sams- und Sonntag kommt, sondern als erster Tag der Woche jeweils davor, und dass an gelungenen Wochenenden Leserinteresse weniger gestillt wird als wieder nachwächst?

Der Altpapierkorb füllt sich in Kürze

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