Das Altpapier
28.01.2015 - 09:53 Christian Bartels

Für Berlin bluten?

Klartext-Forderungen und Zuckerbrot von Seiten, von denen man das nicht erwartet. Neues im unverwechselbaren Funke-Sound. Frische Fernsehtrends: Dog TV und Sakte TV.

Hätten Sie's geahnt? Heut ist wieder Europäischer Datenschutztag!

Eigentlich erfüllen solche Tage, von denen es ja mehr gibt als das Jahr welche hat, kaum andere Funktionen, als Moderatoren populärer Radiosender zwischen Wetter und Werberahmen weiteren Stoff zum Quatschen an die Hand zu geben. Aber jetzt lässt sich sogar Andrea Voßhoff, als Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit eine der unscheinbareren Persönlichkeiten in der aktuellen Bundesregierungs-Mannschaft, nicht lumpen. Und haut gleich mal den ersten Beitrag des noch jungen Jahres auf ihrem offiziellen Internetnetauftritt heraus.

Eine kräftige Ausrufezeichen-Forderung bildet die Überschrift. Die EU-Kommission müsse tun, was sonst vor allem Fußballvereins-Vertreter ohne Unterlass tun, "Klartext reden".

Wer ins Kleingedruckte schaut, kann aber etwas überrascht werden. Dort ist gleich oben von "seit den Snowden-Enthüllungen beeinträchtigten datenschutzrechtlichen Beziehungen zwischen den USA und der EU" die Rede, so als sei Voßhoff gar nicht von der derzeitigen Bundesregierung bestellt worden ...

Vergleichsweise wenig verklausuliert und nicht ohne einmal beinahe das schwerste Geschütz deutscher Regierungs-Rhetorik ("erhebliche wirtschaftliche Folgen") abzufeuern, fordert Voßhoff, dass die EU-Kommission "eine Aussetzung oder Aufhebung der Safe Harbor Entscheidung nicht ausschließen" solle. Hintergründe, um welche weitgehend vergessenen Verhandlungen es geht, arbeitet die österreichische Nachrichtenagentur APA heraus (Standard), deren Meldung dann folgende feine Schlusspointe enthält:

"Die Bundesdatenschutzbeauftragte äußerte sich anlässlich des Europäischen Datenschutztages, der am Mittwoch in Berlin abgehalten wird."

Der wichtigste Artikel eines deutschen Universalmediums, den die News-Suche des Datenkraken Google am Morgen zum Thema nennt, stammt übrigens von zeit.de - galt allerdings dem vorletzten Datenschutztag, dem von 2013.

Beim Datenschutz ließe sich nun über eine Folge eine offenkundig relevanten Enthüllung des Sturmgeschützes der Demokratie bzw. des "ehemaligen Nachrichtenmagazins" (Fefe) geradezu ins Geopolitische überleiten. "Die Analyse eines vom Spiegel veröffentlichten Codes zeigt nun: 'Regin'", einer der bekanntesten und verbreitetsten Schadsoftwares, "ist ein NSA-Werkzeug", meldet Spiegel Online. Das habe einer der bekanntesten Sicherheitssoftware-Hersteller herausgefunden, Kaspersky. Wobei es sich um ein russisches Unternehmen handelt, daher der Geo-Aspekt.  

Aber wir sind ja eine Medienkolumne, daher zurück in die Metropole, die heute die Abhaltung des Datenschutztages beherbergt.

[+++] Berlin bekommt eine neue überregionale Zeitungsredaktion! Der ehemalige Chefredakteur eines immer noch recht bekannten Wochenmagazins wird ihr vorstehen. Zeitungen aus vier Bundesländern mit immer noch nennenswerter Gesamtauflage werden von ihr mit "journalistischen Inhalten aus der Hauptstadt" versorgt werden, so dass sie daheim "noch größere Schwerpunkte im Regionalen und Lokalen setzen" können!

Sie merken schon: Wie man es auch wendet, zur Jubel-Meldung will der gestern publik gemachte, im Februar beginnende Aufbau einer "Zentralredaktion in Berlin" durch die Funke-Mediengruppe unter der Leitung des im August (Altpapier) gefeuerten Focus-Chefs Jörg Quoos nicht werden. Es liegt wohl einfach am unverwechselbaren Funke-Sound. Formulierungen wie "noch größere Spielräume für hervorragenden Journalismus im Regionalen und Lokalen" mag der Ex-WAZ einfach niemand mehr glauben.

"In den kommenden Wochen werde ich gemeinsam mit Thomas Kloß die neue Redaktionsstruktur in enger Abstimmung mit den Chefredakteuren unserer Regionalzeitungen entwickeln", sagt Quoos laut Original-Pressemitteilung. "Die Funke-Mediengruppe will Kosten sparen. 'Es wird Veränderungen und Abbau des Personals in den Regionen geben', heißt es aus Unternehmenskreisen", formuliert es faz.net-Medienwirtschafts-Blogger Jan Hauser. "Eine der ersten Amtshandlungen des neuen Chef-Duos dürften Stellenstreichungen sein", spitzen die Zuspitzer von turi2.de zu.

Die SZ sieht es knapp nüchtern ("Das Konzept, Texte von anderswo zu bekommen, kennen die Redakteure von Morgenpost und Abendblatt schon: Als die Titel noch zum Springer-Verlag gehörten, lieferte die Welt-Gruppe Inhalte für die Mantelteile zu ..."). Und während ndr.de aus Hamburg die Sache zu einer Spitze gegen die Welt nutzt, deren zugelieferte "Politikgeschichten" beim Abendblatt offenbar schon länger nicht mehr als relevant empfunden wurden, kommt aus Nordrhein-Westfalen, dem Kerngebiet der WAZ, ein flammender Appell.

"Nordrhein-Westfalen darf nicht für Berlin bluten" und "statt Redakteure in Essen vor die Tür zu setzen, müssen die Redaktionen gestärkt werden", fordert newsroom.des Bülend Ürük und hat sowohl die Peitsche ("Nordrhein-Westfalen verliert. Mit dem Schritt nach Berlin verliert das große Bundesland eine entscheidende Stimme im Kanon der Medien. Denn oft werden nur Redaktionen mit Vollredaktion in Politik und Wirtschaft wahrgenommen ...") als auch ebenso sprichwörtliches, aber für Zeitungsverlagsmanager bzw. im Kontext überraschenderes Zuckerbrot dabei:

"Nordrhein-Westfalen gewinnt. Schon heute zeigt das 'WAZ'-Spitzenduo Tyrock/Marinos, was es unter einem guten Blatt versteht ..."

Wenn man versucht, es offen zu betrachten und alles ausblendet, womit die Funke-Mediengruppe sich ihren Ruf aufgebaut hat, seitdem sie diesen Namen trägt (Altpapier, Altpapier, Altpapier ...), mag es spannend scheinen, ob der Lokal- und Regionalzeitungs-Verlag der Medienvielfalt weiter schadet oder ein zukunftsfähiges Modell entwickeln könnte.
 


Altpapierkorb

+++ Es war hier und anderswo schon zu lesen: Die Bild-Zeitung hat angekündigt, für ein "Reporter-Filmprojekt" sich selbst über die Schulter zu schauen. Dagegen ist erst mal nicht einzuwenden. Schöner und lehrreicher als ins eigene Blatt zu schauen, ist es gewiss. Nur dass Nico Hofmann sich nicht zu blöd ist, dabei mitzumachen, befremdet. Warum "der Wolf Schneider des Eventfernsehklimbims" sich von Springers "Zeitungsüberbleibsel" "einspannen" lässt, analysiert heute TAZ-Kriegsreporterin Silke Burmester. +++ "Deutschlands wichtigstes Medienwatchblog", bildblog.de "wird ab Februar wieder aktuelle Beiträge veröffentlichen", weil es Spenden genug gesammelt hat (taz.de). +++

+++ Neue Fernsehtrends: Das hierzulande von der Innovations-Speerspitze Deutsche Telekom angebotene "Dog TV" beschreibt Claudia Fromme auf der SZ-Medienseite: "Gilad Neumann kennt die Vorbehalte gegen seinen Sender. Hundebesitzer müssten nicht fürchten, dass die Tiere über Stunden in die Kiste glotzten. 'Die Hunde schauen sich das zwei, drei Minuten an, dann langweilen sie sich, zehn Minuten später kommen sie wieder, schauen ein wenig, gehen wieder.' Das hätten Videobeobachtungen von Forschern der Tufts University in Boston gezeigt ..." +++ "Holzhackende Menschen und herunterbrennende Feuer. Lachsfischen, Stricken und Vogelbeobachtungen ... in Echtzeit" auszustrahlen, das ist "Sakte TV" bzw. "Slow TV". Sowohl, wie der norwegische Fernsehtrend nicht nur einst aus Deutschland inspiriert wurde, als auch, welcher wenig bekannte Sender aus dem ARD-Reich ihn nun re-importiert, schildert Nora Frerichmann bei epd medien. +++

+++ Die FAZ-Medienseite informiert über die "heftig debattierte" "safe to print"-Formulierung, die New York Times-Chefredakteur Dean Baquet kürzlich auf Mohammed-Karikaturen anwandte (ähnlich kürzlich bei sueddeutsche.de). +++  Ein Schuh wird draus zusammen mit Barbara Oertels TAZ-Bericht über die russische Medienaufsichtsbehörde Roskomnadsor, die Medien, die Zeichnungen aus Charlie Hebdo übernehmen, auf ihre "Abschussliste" setzt. +++

+++ Frank-Steffel, der außer bei der Berliner CDU auch bei einem Berliner Handballclub engagiert ist, streitet weiter für Handball im Fernsehen. "Was da im Moment passiert, ist eine Frage von Sturheit. Aber ARD und ZDF verzichten ja auch auf Rieseneinschaltquoten. Ich verstehe diese Sturheit nicht. Bei der Fußball-WM hatte man auch die Forderungen der Fifa akzeptiert wie das Ausschalten der Satelliten. Das wäre doch hier auch möglich", sagte er der Welt. Die neuen, für Vertreter öffentlich-rechtlicher Anstalten erstaunlich offenen Widerworte inklusive "Populismus"-Vorwurf verbreitet die BLZ. Michael Hanfeld (FAZ-Medienseite) hat bei Jacqueline Kraege (Rheinland-Pfalz, SPD) nach der Chance des Kompromissvorschlags gefragt, Handball wie Fußball als Ereignis von "erheblicher gesellschaftlicher Bedeutung" in eine Schutzliste aufzunehmen, das dann im frei empfangbaren Fernsehen gezeigt werden müsste. Kraege ist nicht dafür, außerdem müsste das von Europäischen Kommission überprüft werden. +++

+++ In Österreich wird, anders als hierzulande, die Nationalität von Straftätern in Medienberichten meist genannt. Die Nennung an sich sei "noch keine Diskriminierung, heißt es beim österreichischen Presserat. 'Sie wegzulassen, wäre das medienethische Sahnehäubchen', sagt Presserats-Geschäftsführer Alexander Warzilek" jedoch (Tagesspiegel/ DPA). +++

+++ Wie die chinesische Regierung die "Great Firewall" erhöht, indem sie online verbreitete US-amerikanische Serien künftig mindestens staffelweise vorab "auf moralisch fragwürdige Szenen in den Bereichen Gewalt und Sexualität" überprüfen will, schildert Jürgen Schmieder auf der SZ-Medienseite. +++ Dort geht's außerdem, wie bei faz.net, um das aus selbst gebauten Wlan-Antennen und "über Häuserschluchten hinweg gespannten" Kabeln bestehende "Streetnet" in Havanna. +++

+++ Über eine Gegendarstellung eines Bauer-Verlags-Chefredakteurs in der jüngsten Günther-Jauch-Talkshow, in der Auschwitz-Überlebende zu Gast waren, berichtet dwdl.de. +++

+++ Und am Donnerstagabend setzt die ARD eine ganz frische Idee um und startet "ein neues Satire-Format". Der Tagesspiegel hat Sebastian Pufpaff ("heißt übrigens wirklich so") interviewt. "... In so einer Kabarettisten-WG kann man viel härtere Thesen vertreten." - "Zum Beispiel?" - "Pegida. Wir besetzen einen Kabarettisten, der als Pegidist zu Gast in die WG kommt. Das hinterlässt beim Zuschauer ein ganz anderes Identifikations- oder eben auch Abgrenzungspotenzial.") +++

Neues Altpapier gibt's wieder am Donnerstag.

 

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