Das Altpapier
22.10.2014 - 09:54 Christian Bartels

Immer neue Würmchen

Der IT-Gipfel der Bundesregierung sorgt für gute Laune bei spöttischen Berichterstattern. Jetzt auch auf dem Gipfel politischer Wirkung: die "heute-show" des ZDF. Außerdem: Frische Lesestoff-Quellen sprießen derzeit nur so aus dem Boden.

[+++] Zunächst ein Blick nach, im nationalen Rahmen, ganz oben. Die Bundesregierung hat ihren IT-Gipfel abgehalten und mit einem "Maßnahmenpaket ... unter anderem auf den Erfolg von weltweiten digitalen Vorreitern wie Amazon und Google" reagiert, wie der österreichische Standard meldet:

"Das Wirtschaftsministerium will 50 Mio. Euro in das Projekt 'Smart Service Welt' stecken."

50 Millionen Euro, der Preis z.B. eines guten Fußballspielers, als Reaktion auf weltweiten Erfolg digitaler Vorreiter? Oder ist da eine Null auf dem Nachrichtverbreitungsweg verloren gegangen? Dass Minister Sigmar Gabriel ankündigte, "bis 2017 fast eine halbe Milliarde Euro an Fördergeldern in eine so genante 'Smart Service Welt' zu stecken", berichtet das SZ-Wirtschaftsressort. "Bis zu ca. 50 Mio. Euro", formuliert das Wirtschaftsministerium selbst auf seiner Webseite allerdings sogar noch zurückhaltender.

Zumindest allerhand Verwirrung wurde auf dem Gipfel also gestiftet. Was das weite Feld der Netzneutralität und Ex-Post- bzw. Ex-Ante-Fragen betrifft, von Gabriel persönlich, wie das Wirtschaftsressort von Springers Welt beobachtete:

"Minister Gabriel sorgt für Verwirrung. Auf dem IT-Branchengipfel lässt er durchblicken, dass Netzbetreiber künftig bestimmte Dienste vorrangig behandeln dürfen. Dann rudert er plötzlich zurück".

Was wiederum, nach netzpolitik.orgs Meinung, auch die spekakuläre, recht breit zitierte Äußerung der "wohl falsch informierten" Bundeskanzlerin,

"Die ganz großen Fragen nach der Netzneutralität werden sich stellen, wenn wir ziemlich große Bandbreiten haben, die mit Glasfaserkabeln natürlich zur Verfügung stehen",

erklären würde. Ob es freilich schon in Kürze im Inland zu solchen Bandbreiten kommt, wurde auf demselben Gipfel aus ebenfalls berufenem Munde bezweifelt. "Die Bundesregierung könne die für den Breitbandausbau nötigen Investitionen auch nicht zur Verfügung stellen, sagte der Minister für Verkehr und digitale Infrastruktur Alexander Dobrindt", berichtet das FAZ-Politikressort. Immerhin wurde das Bewusstsein dafür, was diese abstrakten Begriffe bedeuten, geschärft:

"Was Datenqualität ausmachen kann, erfuhren die Gäste des IT-Gipfels am eigenen Leibe, als eine ruckelnde Videoschaltung mit miserabler Sprachqualität zur Konferenz der deutschen Maschinenbauer in Berlin zustande kam. Die Maschinenbauer reklamierten für sich gleich einmal die Führungsrolle bei der Industrie 4.0" (heise.de).

Wobei Probleme der (überwiegend) analog betriebenen Infrastrukturen, die ebenfalls in Dobrindts Ressort fallen, dann auch für ein "jähes Ende" der Gipfel-Veranstaltung sorgten, wie ebenfalls heise.de, bei den Berufsbezeichnungen vielleicht ein wenig verdichtet, berichtet:

"Angesichts des Pilotenstreiks leerte sich der Gipfel schlagartig, da viele Teilnehmer ihre Züge erreichen mussten."

Um fair zu bleiben, es gibt auch eine nicht ganz, bloß überwiegend höhnischen Kommentar (SZ-Meinungsseite: "... hagelt es Kritik aus der Branche an der Internet-Politik der Bundesregierung. Zu spät, zu uninspiriert und ziemlich ahnungslos. Das stimmt. Und doch stimmt es auch wieder nicht"). Alles in allem spendete dieser IT-Gipfel Bilder, auf denen die anwesenden Spitzenpolitiker oft bemerkenswert missmutig schauen, während die Berichterstatter beim Sich-drüber-lustig-Machen Spaß hatten.

Mit einem Klick zum DPA-Bericht bei taz.de bzw. spätestens bei der tazzigen Bildunterschrift (wobei der Herr ganz links auf dem Foto, der angeblich an die "Schnittchen" denkt, übrigens der noch relativ unprominente aktuelle Chef der Deutschen Telekom ist, der mit seiner Fußballspiel-Metapher "Die erste Halbzeit der Digitalisierung haben wir in Europa verloren" gute Verbreitung gefunden hat) sind wir dann schon in der heiteren Sphäre ...

[+++] ... der "heute-show" des ZDF, die seit ein paar Tagen ja auch in der großen Politik mitmischt. Aktuell fasst Kurt Sagatz vom Tagesspiegel zusammen:

"Oliver Welke, der Moderator der ZDF-Politsatire, spricht von 'Hausverbot'. Jeder dürfe im Bundestag drehen. 'KiKA dreht im Bundestag. 'Bauer sucht Frau' dreht im Bundestag. Aber wir dürfen nicht rein', beschwerte er sich in der Sendung. Die Bundestagsverwaltung hält Welke und dem ZDF die Regeln für die journalistische Berichterstattung im Bundestag entgegen. 'Wir haben eine eiserne Grundregel: Der Bundestag ist keine Location."

Die im Tsp. erwähnte Online-Petition "Drehverbot für die heute show im Bundestag aufheben" hat am Mittwochmorgen schon drei Prozent der benötigten Unterstützung erhalten. Einen Bundestagssprecher "einigermaßen zerknirscht" hatte bereits die Frankfurter Rundschau zitiert.

"Tatsächlich haben beide Seiten recht und unrecht zugleich", findet Sagatz salomonisch. Die Bundestags-Verwaltung sei halt verpflichtet, auf die "Würde des Hauses" zu achten, derentwegen z.B. auch "offene Getränke und Speisen ... weder mit ins Haus noch mit auf die Dachterrasse genommen werden" dürften.

Und vor dem Hintergrund des Gipfels und seiner digitalen Thematik lässt sich hinzufügen: Diese Würde des Hauses wurde (und womöglich/ wahrscheinlich: wird weiterhin) von ganz großen Vorreitern aus von einheimischen Spitzenpolitikern geschwärzten Gründen ja nachhaltig mit Füßen getreten. Entsprechende Meldungen kursieren im mittleren Aufmerksamkeitsbereich ambitionierter Nachrichtenmedien immer neu. "Die Regeln für den Berliner NSA-Ausschuss" desselben Bundestags "werden in Washington gemacht", schrieb Constanze Kurz kürzlich in der FAZ unter der Überschrift "Hier betreten Sie die rechtsfreie Zone!". Dass das eigentlich ebenfalls auch dem Parlament verpflichtete Auswärtige Amt über 100 private US-amerikanische Firmen wie Booz Allen Hamilton, bekannt als früherer Edward-Snowden-Arbeitgeber, in Deutschland rechtlich der US-Army gleichgestellt hat, ist eine aktuelle Enthüllung der (überwiegend) nicht-satirischen ZDF-Sendung "Frontal 21" ... Wenn der Bundestag nun wenigstens dem ZDF gegenüber, das mittelbar ja von ihm von den Bundesländern, von den Bundesländern! abhängig ist, Würde wahren möchte, sollte ihm das niemand verdenken.

Und andererseits, dass Dreharbeiten an Originalschauplätzen die "heute-show"-Schenkelklopfer besser machen, müsste auch erst mal bewiesen werden. Einen starken Verbündeten hat Olli Welke übrigens gefunden: Michael Konken, Chef der Journalistengewerkschaft DJV, argumentiert zupackend:

"Es sei weder nachvollziehbar noch mit Bekanntheitsgrad und Reichweite der ZDF-Sendung vereinbar, dass die Mitarbeiter des Parlaments Aufnahmen und Interviews der 'heute-Show' nicht zuließen".

Im Rahmen der Satire, die grundsätzlich ja auch weniger reichweitenstarken Medien gestattet ist (vielleicht nicht am Originalschauplatz), noch rasch die Idee, dass es für die "heute-show" hübsch sein könnte, wenn Konken dort seine regelmäßigen Statements in ungefähr so einer Form wie Gernot Hassknecht (Foto, 3 v.l.) aufführen könnte.

[+++] Wenn Sie statt Shows zu gucken lieber lesen: Frischen Lesestoff gibt es laufend, zurzeit verstärkt aber auch aus neuen Quellen. Die deutsche Wired (Altpapier gestern) ist schon draußen, beschert "angenehmes Lesegefühl" (Tobias Schwarz, netzpiloten.de) und könnte mit ihrem Projekt einer "die breite Gesellschaft ansprechenden Aufklärung über grundlegende Aspekte des digitalen Wandels" ja vielleicht sogar Förderung bei Sigmar Gabriels Ministerium beantragen. Die neue kölsche Tageszeitung (ebenfalls Altpapier gestern) erscheint erst morgen nachmittag. Und übermorgen können dann auch "sehr wahrscheinlich" Nichtabonnenten der Krautreporter auf die Inhalte dieses im Sommer (Altpapier) spektakulär annoncierten Online-Projekts zugreifen.

Das sagte Krautreporter-Initiator Sebastian Esser dem Süddeutsche Zeitungs-Reporter David Denk, der ihn in einem "Hinterhof in bester Hipster-Lage von Berlin-Neukölln" besucht hat. Auf der SZ-Medienseite liefern sich die beiden ein (natürlich von Denk gefiltertes) Duell erlesen feiner Metaphern:

"Nichts weist darauf hin, dass hinter diesen Mauern an der Zukunft des Onlinejournalismus herumgetüftelt wird",

schreibt Denk ganz am Anfang. Etwas später:

"Rhetorisch haben die Krautreporter spürbar abgerüstet: Hatten sich einige der etwa 30 Autoren, mittlerweile erfreulicherweise um einige Autorinnen ergänzt, in einem Werbevideo zum Crowdfunding recht unsympathisch-breitbeinig präsentiert, ist diese Hybris beim Redaktionsbesuch nur noch als fernes Echo wahrnehmbar. 'Ich würde gern das Missverständnis ausräumen, wir hielten uns für die Zukunft des Journalismus', sagt Esser. 'Nicht nur, dass wir das niemals schaffen würden, wir versuchen es gar nicht erst.'"

Ähm ... das Ausräumen?

Jedenfalls sähe die Webseite aus "wie in einem Feng-Shui-Kurs gestaltet" (Denk), jedenfalls kommt das, was Esser selbst sagt, ganz sympathisch rüber (über Spiegel Onlines Startseite: "Die Leute spüren, dass sie benutzt werden. Man kommt sich vor wie ein Fisch, dem immer neue Würmchen vorgeworfen geworden").


Altpapierkorb

+++ Geldwerte Info für Verlagsmanager heute in der TAZ: Wo "Magazine noch erstaunlich gut funktionieren", das ist die Heavy-Metal-Szene. Als Belege führt Andreas Hartmann die unabhängige Neugründung Deaf forever an, sowie den Metal Hammer an, der derzeit 30 Jahre alt wird und zu den ganz wenigen Zeitschriften, die noch bei Axel Springer erscheinen. Ja, auf axelspringer.de ist gar nicht mehr von "Zeitschriften" oder "Magazinen" die Rede, sondern von "Bezahlangeboten" ("Geschäftsmodelle, die überwiegend durch zahlende Leser refinanziert werden"). Bei Deaf ... wiederum "erstaunlich ist auch der Umgang mit dem Internet: Während die Konkurrenz alles dafür tut, möglichst viel Traffic auf ihre Websites zu bekommen, will Deaf Forever das Internet weitestgehend ignorieren." +++

+++ Das Interessanteste an der Auseinandersetzung zwischen Jürgen Trittin und dem Spiegel wegen einer womöglich "unter drei" gefallenen Äußerung von ihm über Baden-Württemberg als "Waziristan der Grünen", die in einem Spiegel-Porträt als Zitat verwendet wird, ist eigentlich ja, wie darin Nikolaus Blome als Spiegel-Vertreter in der Öffentlichkeit agiert. Der Ex-Bild-Zeitungs-Mann (den Trittin dazu offen anschrieb) ist inzwischen der öffentlich bekannteste Spiegel-Prominente. Für die TAZ ist der Zitatestreit sowohl Berichtsthema als auch Anlass für ein Pro und Contra. +++

+++ Gestorben: Ex-WDR-Intendant Friedrich-Wilhelm von Sell (Nicht-Agentur-Nachruf von Stephan-Andreas Casdorff im Tagesspiegel). +++ Fotograf René Burri (FAZ, die ihn auch auf dem Titel mit seinem Che-Guevara-Foto von 1963 ehrt).  +++ Die Schauspielerin Ursula Lingen (FAZ-Medienseite), "die einzige Tochter des Schauspielers Theo Lingen und von Marianne Zoff, der ersten Ehefrau von Bertolt Brecht". Außer auf Theaterbühnen "war sie häufig im Fernsehen zu sehen, etwa im 'Tatort' sowie in 'Derrick' und 'Der Alte'" - was so natürlich für 100e deutschsprachige Schauspieler der 1970er und -80e gilt. +++ Ben Bradlee ("führte die Washington Post, als die Zeitung Präsident Nixon der Lüge entlarvte und ihn somit stürzte", sueddeutsche.de). +++

+++ "Bad Gastein, im Oktober": Die FAZ-Medienseite hat Servus TV, den Red Bull-finanzierten, internationalen österreichischen Fernsehsender besucht, eine Hirschpirsch zu Naturfilmzwecken mitgemacht und mit Programmchef Klaus Bassiner (einst beim ZDF Wegbereiter der Schmonzetten- und Schwedenkrimi-Wellen) immerhin "am Telefon" gesprochen. +++

+++ Der wohl wichtigste Reflex der deutschen Fernsehfilmkritik: das Drehbuch kritisieren, aber die Darsteller loben. "Das Drehbuch ächzt, die Schauspieler brillieren", schrieb Oliver Jungen (FAZ) zum Dominik-Graf-"Polizeiruf" vom jüngsten Sonntag. +++ "Doch auch wenn der Film unter dieser Problemhäufung zu ächzen droht", schreibt nun Björn Wirth (BLZ) zum heutigen ARD-Film "Momentversagen", "sind es vor allem die Schauspieler, die diesen Film tragen und so besonders machen"... +++ "Dass sich der WDR-Film eine gewisse Unvorhersehbarkeit bewahrt, liegt auch an seiner Besetzung" (SZ). +++ "Was dennoch für die Inszenierung einnimmt, ist neben dem Ensemble" auch noch etwas anderes, findet die FAZ ("Der Moment größten Nervenkitzels findet vor einem in quälender Langsamkeit Papier ausspuckenden Drucker statt -  da kann immerhin fast jeder mitfühlen"). +++ Ziemlich uneingeschränktes Lob gibt's hier nebenan. +++

+++ Das von der vorigen, in Teilen mit der oben erwähnten aktuellen identschen Bundesregierung verursachte Leistungsschutzrecht für Verlagen legen nun alle in die Hände - nicht des Bundesverfassungsgerichts, sondern des Bundeskartellamts. Das heißt, außer Google legt auch die gegnerische VG Media. +++

+++ Ingolf Lück bekam den Ehrenpreis beim Deutschen Comedypreis. "Neben ihm standen ausschließlich bekannte Gesichter auf der Liste für den deutschen Humor-Oscar" (BLZ). +++

+++ Das 11 Freunde-Heft "Nummer 156 wird komplett von 73 Fremdautoren bestritten, darunter 28 internationale und nationale Fußballprofis und fünf, die bei der Weltmeisterschaft 2014 aktiv waren" (SZ, wuv.de). +++

+++ Eine Lesestoffquelle mit ab 2015 "erhöhter Dosis": das FAZ-Magazin (u.a. dwdl.de). +++ Die gestern hier erwähnte, ähm gelehrte FAZ-Reflektion in der FAZ ist auch Thema des Altpapier-Autors Frank Lübberding bei wiesaussieht.de. +++ Und "Wie Spiegel Online die Zukunft erfand", ist Thema ebendort. +++

Neues Altpapier gibt's wieder am Donnerstag.

 

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