Das Altpapier
30.07.2014 - 09:56 Christian Bartels

Das Ende der Lesbarkeit

Auf Seitenflüsschen mündet doch noch in den Haupstrom ein, wie Zeit-Alphajournalisten gegen die ZDF-"Anstalt" vorgehen. Außerdem: Josef Joffes Nibelungentreue. Skandalnudel Tagesspiegel? Der "Männertreu"-Film der ARD.

"Männertreu" (HR, Bettina Müller)Skandale waren immer schon ein wichtiger Treibstoff der Medien. So lange so viele Medien miteinander konkurrieren wie zurzeit werden besonders viele gebraucht. Manche sind eigentlich gar keine, können den Zweck aber dennoch erfüllen. Andere, womöglich wichtigere erhalten oft nicht die verdiente Aufmerksamkeit ...  

An diesem Mittwoch sendet die ARD den regelmäßigen Altpapierlesern schon aus dem Korb vom Freitag (fast ganz unten) bekannten Fernsehfilm "Männertreu" (Foto), in dem ein womöglich Schirrmacher-hafter Frankfurter Zeitungsverleger drauf und dran ist, Bundespräsident zu werden. "Skandal!", lautet die Überschrift der Tagesspiegel-Besprechung. Der Link und weitere folgen später weiter unten.

Einfach hinein in die tagesaktuelle Skandallage:

Die interessanteste News ist eine, die gar nicht neu ist, sondern vor allem von heise.de/ Telepolis und von das-zob.de über die vergangenen Monate immer mal wieder vermeldet bzw. auf das Ausführlichste diskutiert worden ist: Die Die Zeit-Journalisten Jochen Bittner (gestern erst mit einer starken Meinung im Altpapierkorb vertreten) und Josef Joffe sind gegen die ZDF-Kabarettshow "Die Anstalt" vorgegangen, da in deren April-Ausgabe einigen Star-, Spitzen- oder Alpha-Journalisten, darunter ihnen, Verbindungen zu deutsch-amerikanischen Lobbyverbänden wie dem German Marshall Fund und der Atlantikbrücke unterstellt wurden, die so nicht zutrafen. Deshalb haben sie eine Einstweilige Verfügung gegen das ZDF erwirkt, das daher die entsprechende "Anstalt"-Folge (für die offenbar keine Sieben-Tage-Verweildauer-Regel gilt) zurzeit nicht in seiner Mediathek zeigt. Weil die Behauptungen der Kabarettisten Max Uthoff und Claus von Wagner sehr ähnlich aber sehr wohl zutreffen, hat das ZDF Widerspruch eingelegt. Die Sache wird also gerichtlich geklärt werden.

Den umfassendsten und sachlichsten Artikel hat heute morgen Marcus Klöckner bei Telepolis veröffentlicht.

Außerdem berichten nun der Tagesspiegel (der mit dem eigentlich gerade urlaubenden, sich per Presseerklärung aber äußernden Joffe ja auch inhaltlich verbunden ist), die Süddeutsche auf ihrer Medienseite mit einer EPD-Meldung und die TAZ unter der Spitzmarke "Zensur", auf die dann ein "Wir Journalist haben es nicht leicht"-Kabarettstückchen folgt (sic). Gestern aggregierte meedia.de einen Eintrag vom Montag in Thomas Stadlers Blog internet-law.de, den zuvor sehr knapp, aber früh kress.de verlinkt hatte.

Stadler schreibt von "einem journalistischen Offenbarungseid" "für ein Flaggschiff wie die Zeit" und liefert als Rechtsanwalt folgende Einschätzung der Rechtslage:

"Auch wenn der Beitrag aus der Anstalt kleinere Unrichtigkeiten aufweisen sollte, so gebührt den Machern [der 'Anstalt'; AP] dennoch Dank dafür, dass sie eine breitere Öffentlichkeit auf die Nähe meinungsbildender Journalisten wie Josef Joffe von der Zeit oder Stefan Kornelius von der SZ zu Lobbyorganisationen und transatlantischen Think-Tanks aufmerksam gemacht haben."

Den Bezug zu Uwe Krügers Studie "Meinungsmacht/ Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha­-Journalisten", den wiederum die "Anstalt"-Kabarettisten auch hatten (mehr zu Krüger und weiteren Zusammenhängen u.a. in diesem Altpapier), stellt Stadler dann auch her. Als aktuelle Information bezieht er sich "ein Interview" Uthoffs, das Mitte Juli bei Youtube veröffentlicht wurde. Dort läuft auf der Tonspur ein neunminütiges, trotz allerhand Cafégeschepper zwischendurch hörenswertes Interview. Uthoff nennt darin den Gegenstand der aktuellen rechtlichen Auseinandersetzung "eine Frage der Konrinthenkackerei" und meint, dass seine "Anstalt"-Show "von den sogenannten Hauptstrommedien ignoriert" werde.

Dass der relativ eingebürgerte Begriff "Mainstream" eingedeutscht wird, ist in Mainstreammedien auch selten, schadet aber natürlich nichts.

Geführt hat das Interview das schon erwähnte, keinerlei Mainstream zuzurechnende Portal das-zob.de ("ZentralOrganBayern/ das ZOB bietet unabhängigen Journalismus"). Schön, dass die Sache nun doch über verzweigte Bächlein im Hauptstrom angekommen ist. Übrigens auch fürs ZDF, das sich offenbar mit einigem Zögern entschlossen hat, gegen die Verfügung vorzugehen, zumal, da die "Anstalt" von jener Unterhaltungsredaktion verantwortet wird, der gerade "Deutschlands Beste!"-halber ihr Chef sowie große Teile ihres ohnehin geringen Renommees abhanden gekommen waren.

Kuriosum am Rande: Um knapp zu umreißen, was Joffe so vorgeworfen wird, benutzt Anwalt Stadler noch den Terminus "Nibelungentreue" ("seine Nibelungentreue zu den USA und seine Mitgliedschaft in bzw. Nähe zu verschiedenen transatlantischen Organisationen"), der zuletzt im Vorfeld des gerade auch oft diskutierten Ersten Weltkriegs besonders en vogue war, ungefähr seit Stalingrad in deutschen Diskursen aber keine größere Rolle mehr spielte. Sicher kein Problem, als Anwalt hat sich Stadler gewiss überzeugt, dass weder Nibelungentreue, noch ihr Bruch, noch dies oder jenes als Vorwurf gegenwärtig justiziabel sind.

[+++] Eine richtige Skandalnudel scheint der Tagesspiegel im Moment zu sein. Der online attraktiv, aber jugendfrei illustrierte Artikel "Porno im Kurznachrichtendienst" zieht auch so einige Aufmerksamkeit nach sich. Es geht um den Twitter-Account des SPD-Bundestagsabgeordneten Johannes Kahrs, der sowohl Sprecher des "Seeheimer Kreises", also eines eher rechten SPD-Flügels, als auch Beauftragter der Fraktion für die Belange von Schwulen und Lesben (und selber schwul) ist.

"Auf Twitter folgte Kahrs von seinem offiziellen Profil aus ('Twitter Account von Johannes Kahrs (MdB) und seinem Büro #bürotweet') bis zum Montagvormittag 1382 Accounts - vielen Bundesministerien, Journalisten, Politikern. Aber auch einer ganzen Reihe von Accounts, in denen es nicht um das politische Geschehen geht, sondern um ganz andere Dinge: Sex und Pornografie. Homosexuelle verbreiten in diesen Accounts, denen sich Kahrs als Follower anschloss, Fotos von nackten Männern, von hinten und von vorn, beim Sex ...",

schrieb Matthias Meisner am Montagmittag bei tagesspiegel.de (siehe natürlich Altpapierkorb).

Eine auch nicht unaufgeregte Erwiderung gibt's heute gedruckt in der TAZ von Paul Wrusch ("Auch Politiker haben eine eigene Sexualität, sie interessieren sich für Körper, sie haben Sex", "ein bisschen Twitter-Wissen hätte da geholfen", "doch Meisner ist offenbar in den 50er Jahren hängen geblieben") und gab's, etwas expliziter illustriert, gestern dann auch noch bei vice.com ("Schwulenpornos auf Twitter und ein Skandal, der mich jetzt schon langweilt"), wo Stefan Lauer allerdings auch Kahrs' etwas inflationäre Benutzung des Adjektivs "traumschön" kritisiert.

Ob alle twitternde Politiker gewusst haben (bzw. gewusst haben werden, bevor ihnen ihre Referenten das ausgedruckte Presseclipping dazu vorgelegt haben werden), dass alles, was sie bei Twitter so tun, also auch das Folgen/ Followen, gegen sie verwendet werden kann, wäre noch eine Frage. Die sinnvollste Position zu diesem "Skandal" vertritt netzpolitik.org ("Twitter-Missverständnis im Porno-Sommerloch"), wo dann auch der anschließende Shitstorm ("am Anfang vor allem von SPD-Sympathisanten vorgetragen") und die anschließende Diskussionen zusammengefasst ist. Bloß Nico Lummas sowohl salomonischer ("Wir müssen lernen, mit dieser Verantwortung besser umzugehen, auch wenn es nur ein Smartphone ist, das wir in der Hand  halten, so hat es doch die Möglichkeit, ein globales Publikum in Sekundenschnelle zu erreichen ..."), als auch jüngere Schweini-Gesänge mit einbeziehender Kommentar wäre noch nachzutragen. Interessanter jedoch die Diskussion, die sich in den Leserkommentaren anschließt:

"Vielleicht ist Johannes Kahrs das wirklich nicht aufgefallen. Denn er folgt um 1500 Leuten bei Twitter. Das kann kein Mensch lesen. Ich vermute, bei ein paar hundert Leuten, denen man folgt, ist irgendwann das Ende des Lesbarkeit erreicht, wenn man den Tag über noch andere Sachen zu erledigen hat",

schreibt Kommentator Weirdo Wisp (ein Pseudonym?), woraufhin Netzpolitiks Markus Beckedahl entgegnet:

"Ich folge über 1000 Accounts und bekomme fast alles mit. ..."

Lässt sich objektivieren, wann das Ende des Lesbarkeit erreicht ist?

Jedenfalls folgen hier gleich noch "Männertreu"-Kritiken und weiterer Medienstoff im Altpapierkorb.
 

Das Altpapier im Netz

Weitere Beiträge im Blog

30.07.2014 - 09:56 - Christian Bartels
in: Altpapier

Das Ende der Lesbarkeit

Auf Seitenflüsschen mündet doch noch in den Haupstrom ein, wie Zeit-Alphajournalisten gegen die ZDF… [mehr]
29.07.2014 - 10:23 - Matthias Dell
in: Altpapier

Nicolaus Fest gehört zu Springer

Der islamophobe Kommentar von Springers Führungskader ruft weiter Reaktionen hervor:… [mehr]
28.07.2014 - 07:49 - Juliane Wiedemeier
in: Altpapier

Hinterm Rubikon geht's weiter

In der Bild-Zeitung ist zwar kein Platz für Judenhass, aber für Islamfeindlichkeit. In Hongkong übt… [mehr]
25.07.2014 - 10:11 - René Martens
in: Altpapier

Hunter S. Thompson meets Karla Kolumna

Versuchen manche Medien, Putin zu einem „neuen Gaddafi“ zu machen? Sind die Krautreporter die „… [mehr]