Das Altpapier
02.09.2014 - 09:09 Matthias Dell

Die große Chefzauberer-Endredaktion

"Die Staatsaffäre" läuft im Fernsehen. Der Chefredakteur alter Manier hat ausgedient. Bertelsmann hat mit G+J womöglich nicht mehr zu viel vor. Beim "Spiegel" korrelieren "Hitler"- und "Sex sells"-Titel. Und Distanzierung und Nähe in den beliebtesten Konflikten der Welt.

Auf das Highlight des heutigen Abends ist an dieser Stelle schon am Freitag hingewiesen worden: Die "Event-Komödie" namens "Staatsffäre" in Sat.1 mit Veronica Ferres als Kanzlerin.

Ganz so schlimm scheint es doch nicht zu sein. Claudia Tieschky befindet in der SZ (Seite 31):

"Man könnte 'Die Staatsaffäre' abtun als haarsträubend vergeigten Versuch, das gerade schicke Polit-Setting abzukupfern. Aber dann passiert etwas Erschreckendes: Man amüsiert sich prächtig. Das liegt daran, dass der Film zwischenzeitlich das Fernsehregieren einfach sausen lässt und hemmungslos Klamauk macht. ... Und als Aushilfs-Date für die Bundeskanzlerin wird – wer könnte besser passen? – der Bundestrainer hin- und wieder abbestellt."

Die große Frage ist natürlich, was hemmungsloser Klamauk im deutschen Fernsehfilm heißen kann. Eher nicht so viel, würden wir hier ungesehen schließen, wenn Tieschky diese Referenz anbringt:

"In guten Momenten erinnert 'Die Staatsaffäre' tatsächlich an die hinreißende Sat 1/Teamworx-Politsatire 'Der Minister'."

Hinreißend? Mag sein, dass sich der Film seinerzeit schon durch die Themenwahl abgehoben hat von dem Kram, der sonst produziert wird, aber: hinreißend?

Klaudia Wick ist in der Berliner (Seite 21)  nicht so arg begeistert und zitiert den "Minister"-Film in anderer Weise:

"So unterschiedlich die einzelnen Stoffe in ihrer dramaturgischen und ästhetischen Form sein wollen, die Botschaft ist doch ähnlich unpolitisch menschelnd und egalitär: Die da oben haben die gleichen Sorgen wie wir hier unten. Haben sie?"

Haben Sie nicht. Auf meinem Schreibtisch liegt ein vier Jahre altes Smartphone, das lauter Daten gefangen hält, für das es aber keine Ersatzteile mehr gibt und vor dem jeder sog. Handy-Doktor kapituliert – und dann muss man mit ansehen, wie in Hollywood ewig alte und gelöschte Privatnacktfotos von "denen da oben" durch irgendwelche Haderlumpen easy aus der Cloud raus rekonstruiert werden.

Stefan Schulz fokussiert in seinem FAZ-Bericht die Industrie, die angebermäßig von solchen Sicherheitslücken profitiert:

"Zu Werbezwecken kauften Mitarbeiter der Firma Avast zwanzig benutzte Mobiltelefone bei Ebay und stellten die vom Vorbesitzer vermeintlich gelöschten Daten wieder her. Sie erhielten so Zugriff auf 40000 Fotos. 750 davon zeigten Frauen mehr oder weniger nackt, auf 250 seien nackte Männer zu sehen gewesen. 1500 Bilder zeigten Kinder in privaten Räumen. Hinzu kamen Adressbücher, Nachrichten und andere Daten, durch die sich die Vorbesitzer zweifelsfrei identifizieren ließen."

Ethisch ist das Thema bei Springers heißem Blatt vermutlich in den besten Händen, worauf Jörgen Camrath via Twitter verdienstvoll noch einmal hinweist:

"Ob sich der Bild-Redakteur, der sich die Fotos augenscheinlich angesehen hat, tatsächlich schlecht fühlt?"

Worauf, und deshalb schweifen wir hier kurz dahin ab, ein Springer-Mitarbeiter, der sich @neuigkeitenchef nennt, ziemlich gaga den Hinweis "Redakteurin" als Antwort twittert – was für die ursprüngliche Kritik völlig irrelevant ist.

Ein anderes Wort nach dem wir gesucht haben, präsentiert Stefan Winterbauer:

"Es scheint, dass dieser Tage eine große Chefredakteurs-Entzauberung stattfindet."

Schreibt er in einem Text auf Meedia.de, der zum einen Stefan Austs Welt-Einlassungen zu seinem Nachnachfolger (gestern hier) moderiert und zum anderen Peter Praschls Welt-Text. In der Logik von Winterbauer muss hier natürlich unbedingt darauf verwiesen werden, dass er, Winterbauer, selbst Chefredakteur ist, also weiß, wovon er bei der Entzauberung spricht.

Praschls "Nachruf auf den Chefredakteur" bringt viel Empathie für den Chef auf. Und wird wohl auch dafür gemocht werden, dass er mal anders über die sog. Medienkrise redet:

"Auch wenn noch so viele Kommentatoren das Gegenteil behaupten, sind die Printmedien erstaunlich gut. Längst haben sie sich erneuert. Sie unterhalten kostspielige Investigativteams, pflegen ihre Edelfedern, bemühen sich darum, verständlich und unterhaltsam zu sein, beschäftigen in ihren Redaktionen junge und unorthodoxe Kollegen, sind meinungs- und debattenstark, kümmern sich recht kompetent auch um Bereiche, die von den alten Hasen verachtet wurden – Mode etwa oder Frauenthemen, die sich nicht mit Bikini- oder Plätzchenfotos illustrieren lassen."

An der job description "Edelfeder-Pflegen" erkennt man die Edelfeder alter Schule. Die Chefredakteure alten Schule hatten derweil, so viel Romantik ist immer drin, den Vorteil, dass man über sie die besseren Schnurren erzählen kann:

"Das machte sie nicht zu erträglichen Menschen, aber es sorgte für Anekdoten, die man sich noch heute gerne erzählt. Da war zum Beispiel der Monatsmagazinchef, der festzustellen pflegte, dass pünktlich erscheinende Hefte wohl jeder Depp zuwege brächte, oder jener, der in seinem Büro tagaus, tagein das Einputten trainierte."

Es ist daher Zeit, dass jetzt, wo der ganze Fiete-Raddatz-Gossip aufgebraucht ist, mal jemand nachfüllt mit einem Buch über die Schrullen des Goldenen Zeitalters, damit die langen Winterabende vorm Kamin nicht so trostlos werden, wie Gegenwart und Zukunft schon sind.

Man kann die Sache auch nüchterner betrachten. So wie Steffen Grimberg, der im aktuellen "journalist" zu Stern und Spiegel schreibt. Und zum Stern (Seite 7) eben:

"Schon vor zwei Jahren hatte Rabe versucht, den in schwerem Fahrwasser laufenden Magazintanker von der Elbe ganz zu übernehmen – mit der vom Konzern nie bestätigten Option, Gruner+Jahr ganz oder in Teilen weiterzuverkaufen. Ende August stehen bei Bertelsmann die Halbjahreszahlen an. 'Horizont' schreibt undementiert von einem Gewinneinbruch bei Gruner+Jahr in einer Größenordnung von 25 Prozent und verweist darauf, dass die Gewinne stärker schrumpfen als der Umsatz."

Das klingt irgendwie nicht so.

Und wo wir bei den deprimierenden Botschaften vom Berufsbild sind: Hanning Voigts von der FR wurde gestern auf einer sog. Montagsdemo namentlich aufgefordert, nach Ken Jebsen zu sprechen. Anlass war wohl, wenn wir das richtig rekonstruieren, ein Twitter-Hashtag ("#kentrails"), von dem sich die Demonstranten in Echtzeit verunglimpft fühlten.

"Daraufhin ging einer ans Mikro, nannte meinen Namen und meinen Arbeitgeber und sagte, ich würde leider die offene Debatte scheuen. (2/3)"

Schrieb Voigts auf Twitter, der die Demonstration umgehend verließ.

[+++] Sehr hübsch dagegen: Achim Tacks Spiegeltitelbilder-Statistik, die nicht nur auf Männer und Frauen achtet, sondern auch auf "Hitler" und "Sex sells". Das bewirkt durchaus Erkenntnisse (dass beide ähnliche Konjunkturen haben) und reizvolle Prosa:

"Gräbt man etwas tiefer im Datensatz und summiert die "Sex-Sells"-Cover über die Ausgabenummern auf, so zeigt sich unten stehende Verteilung der Cover über das Jahr. Mit ein wenig gutem Willen könnte man den Eindruck gewinnen, dass das Sommerloch von Ende Mai bis August häufiger mit der "Sex-Sells" Kategorie belegt ist als das übrige Jahr. Die Datenmenge der Hitler-Cover reicht für eine sinnvolle Auswertung kaum aus."


Altpapierkorb

+++ Deutsche Welle zum ersten. Lena Bopp in der FAZ (Seite 15) voll so positiv über verstärkte Nigeria-Berichterstattung: "Die nigerianischen Reporter versorgen ihren Arbeitgeber, der kein eigenes Studio im Land unterhält, sondern von der Zentrale in Bonn aus sendet, mit Reportagen, Interviews und Kommentaren aus verschiedenen Regionen. Mit ihnen wird das täglich zweieinhalb Stunden dauernde Programm gefüllt – morgens jeweils eine halbe, mittags und abends eine Stunde. Gesendet wird in der Landessprache Haussa, die, so sagt der Leiter der Haussa-Redaktion in Bonn, Thomas Mösch, etwa die Hälfte der 170 Millionen Einwohner Nigerias versteht." +++ Deutsche Welle zum zweiten. Jens Twiehaus in der TAZ voll so kritisch mit Mitarbeiter-Umgang: "Die Deutsche Welle begründet den Rausschmiss Su Yutongs später damit, sie habe Interna ausgeplaudert. Kurz darauf wird der Leiter der China-Redaktion, Matthias von Hein, intern versetzt, angeblich ganz regulär. Alle Ereignisse zusammen – die Zensur der Israel-Kommentare und das Durcheinander in der China-Redaktion – lassen ein ungutes Gefühl aufkommen." +++

+++ "Zensur der Israel-Kommentare" kann man andererseits auch als redaktionellen Vorgang begreifen (gerade wenn vom "deutschen Reflex" die Rede ist – wie man nach so was wie dem Holocaust total unverkrampft sein kann und wollte, müsste vielleicht jemand, der sich auskennt, bei Gelegenheit noch mal erklären), der einem die Distanzierung im Nachhinein spart: Nach Tilo Jung hat sich auch Ciceros Petra Sorge für Martin-Lejeune-Nähe entschuldigt. Ronnie Grob interviewt Lejeune auf Medienwoche.ch und schreibt was zum Fall. Ob und wann er sich distanziert und wie Martin Lejeune weiterhin mit sich selbst identisch bleiben kann – wir werden es erfahren. +++ Was werden wir von Matthias Meisner noch hören an nachgetragenen Erklären, wo sein TSP-Text über verfälschendes und gefälschtes Bildmaterial in der ARD auf eine – sagen wir mal: merkwürdige – Seite namens "Propagandaschau" verweist? +++ SZ.de legt derweil ein neues Kommentatorenmodell auf: "Wir werden ab sofort täglich intensiv in die Diskussion von zwei bis drei großen Themen des Tages einsteigen und das moderierte Debattenangebot ganz darauf konzentrieren. Wir werden uns engagierter als Stimme der Redaktion einbringen, statt wie bisher die Auseinandersetzung nur zu durch das Freischalten guter Beiträge zu verwalten, was oft zu Kritik geführt hat - von unzufriedenen Kommentarschreibern, aber auch von Lesern, die mit dem Niveau der Diskussion nicht zufrieden waren." +++

+++ Hoffnung 2: Kann vielleicht doch aus der Geschichte gelernt werden? "Das Besondere an diesem Zweiteiler: Das ZDF und der polnische Sender TVP produzierten ihn gemeinsam und strahlen ihn zeitgleich in beiden Ländern aus. Eine Zusammenarbeit über Grenzen hinweg ist bei TV-Dokumentationen nicht unüblich. Doch hier liegt die Annahme nahe, dass zur Vorgeschichte auch der Wirbel um den ZDF-Dreiteiler 'Unsere Mütter, unsere Väter' zählte", schreibt Thomas Gehringer im TSP. +++ "Frischen Wind" scheint das aber nicht verursacht zu haben, glaubt man Matthias Hannemann in der FAZ (Seite 15): "Das Buch für die Dokumentation schrieben Christian Frey und Peter Hartl, zwei erfahrene Autoren der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte. Sie setzen stilistisch dort an, wo der 2013 in die Rente verabschiedete Geschichtsbeauftragte des Senders, Guido Knopp, aufhörte. Sie legen anschaulich Einzelschicksale dar, setzen selbstverständlich auf Schauspiel-Elemente und Emotionalisierung." +++

+++ Jürgen Schmieder in der SZ (Seite 31) über mögliche Konsequenzen aus steigenden Sportrechte-Kosten (in den USA, puuh): "Zum anderen bleibt, werden prominente Sendeplätze mit Live-Spielen besetzt, weniger Raum für fiktionale Serien – warum mit aufwendigen Projekten gewaltige Risiken eingehen, wenn mit Live-Sport hohe Einschaltquoten garantiert sind? Allerdings dürften die Sender die höheren Kosten auf die Konsumenten umwälzen, was in anderen Sportarten derzeit heftig debattiert wird und zu grotesken Situationen führt wie etwa der, dass Menschen in Los Angeles die Spiele des dort beheimateten Baseballclubs Dodgers nur dann sehen können, wenn sie Time Warner Cable als Anbieter wählen." +++

+++ Rainer Stadler kann in seiner Medienkolumne bei der NZZ jetzt nicht sooo viel mit der Ice-Bucket-Challenge anfangen: "Doch der nicht Eingeweihte, der sich erst eine Meinung zur Angelegenheit bilden will, muss die nötigen Informationen mit der Pinzette zusammenklauben. Denn die Medienberichte fokussieren vor allem auf einen Nachrichtenwert: den der Prominenz. Wer hat, wer hat noch nicht?" +++

Neues Altpapier gibt's morgen wieder.

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