Trinkgeld-Büchse am Tresen

Das Altpapier

Trinkgeld-Büchse am Tresen

Müssen die Qualitätszeitungen aus ihrer langjährigen Analyseschleife gleich auf die Palliativstation? Ein heftiges Krisenszenario und ein auch nicht gerade fröhliches Interview mit dem Flattr-Chef. Könnte Nano-Payment helfen?

Genug regeneriert, jetzt kommt die Krise wieder.

Zumindest erschien gerade die vielleicht vernichtendste Analyse der Tageszeitungs-Zukunft, die nicht unmittelbar der Totholz-geh-sterben-Ecke entstammt. Sie kommt von Peter Littger, der vor gut zehn Jahren die damals gerade noch existierende Medienseite der Wochenzeitung Die Zeit leitete und inzwischen Berater einer internationalen Medienberatungsfirma ist. Als solcher verfolgt er natürlich auch eine Agenda und pflegt des öfteren, in reizstarken Medienmedien lange, allerhand Rat enthaltende Artikel zu veröffentlichen (z.B., z.B.). Auch aktuell geizt er nicht mit Text, 17.650 Zeichen zählt sein neuer meedia.de-Artikel (exkl. Vorspann).

Er beginnt nicht so, als würde ihn lesen müssen, wer sich für Gegenwart oder Zukunft interessiert ("Als Thomas Steinfeld, heute Co-Chef des Feuilletons der Süddeutschen Zeitung, vor zehn Jahren mehr als 30 Vertreter der Zunft einlud..."). Und er endet mit fünf handlichen "Reformvorschlägen für das Jahr 2013", die nicht auffällig von gängigen Medienthesen-Cocktails abweichen.

Zwischendurch steht aber doch eine Menge Bemerkenswertes. Zum Beispiel, dass

"... die überregionalen Zeitungsverlage [sich] in einer Art Analyseschleife [befinden]. Sie scheinen zu übersehen, dass sie in vollem Tempo auf das unlösbare Problem zusteuern, die Gehalts- und Kostenstrukturen gewinnorientierter Unternehmen mit dem Geschäftsauftrag öffentlicher Institutionen und ehrenamtlicher Vereine zu verbinden, also ohne ausreichende Einnahmen."

Das richtet sich in noch weiteren pointierten Sätzen gegen das Selbstverständnis, das die Zeitungsverlage gerade wieder offensiv ausrollen, zum Beispiel gestern (ohne dass Littger das erwähnt) die Süddeutsche in ihrer Seite 3-Geschichte, die in gewohnt gut lesbarer Seite 3-Manier Themen wie Facebook-versessene Jugendliche, die von Nazis bedrohte Zeitung Lausitzer Rundschau und Manfred Spitzers Bestsellerbuch "Digitale Demenz" zusammenrührte, und zwar unter der völlig korrekten Prämisse, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk für seine Medieninhalte-Erstellung ja "Gebühren kassiert" (und zwar seit 2013 bekanntlich anders als zuvor), wohingegen Zeitungen "Geld fehlt, weil Auflagen und Anzeigen schwinden". Littger schreibt nun also:

"Seit der Gründung der Bundesrepublik messen sich die überregionalen Verlage einen Quasi-Verfassungsrang bei, den sie weiterhin demonstrativ vor sich hertragen."

Er schreibt auch, dass die Zeitungen mit dem mehr oder minder impliziten Beklagen der sehr guten Ausstattung ihrer öffentlich-rechtlichen Konkurrenz in der Sache recht haben:

"Die Asymmetrie in der wirtschaftlichen Ausstattung zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Redaktionen ist mittlerweile eklatant groß. Die Schere könnte in den kommenden Jahren noch weiter aufgehen..."

Dass dieses Aufgehen der Schere nur wenige mehr als die betroffenen Zeitungen selbst interessieren wird, versteht sich jedoch beinahe bereits von selbst. Kurz nachdem Littger dann unter der sprachlich nicht gerade geglückten, aber wirkungsvollen Metapher von der "palliativen Phase" die Verlage sozusagen auffordert, dringend ihre Beratungsfirmen zu wechseln:

"Tatsächlich hat längst eine palliative Phase begonnen, an deren Ende der sichere Tod und eine immense Rechnung stehen werden, sollte es nicht in den nächsten Jahren gelingen... ..."

prophezeit er dann vor allem den beiden relativ unangefochtensten deutschen Qualitätszeitungen Probleme:

"FAZ und SZ stammen aus beinahe 1-Produkt Unternehmen, ihre Einstellung würde einem Grenzverlust von 100 Prozent für ihre Verlage nahe kommen. Deshalb tun sich 1-Produkt Unternehmen mit Veränderungen und mit Risiken besonders schwer  [... ...] und im schlimmsten Fall verschleppen sie Probleme und verschweigen möglicherweise, dass sich ihre journalistischen Apparate nicht mehr refinanzieren lassen - ihr Journalismus in der bisherigen Form also insolvent ist."

Selbstverständlich ließe sich über einiges in diesem Text streiten. Aber Aussichten, dass man auf ihn zurückkommen muss, bestehen vermutlich. Die Mühe, ihn sich durchzulesen, lohnt.

[+++] Was ihn außerdem nachklingen lässt: dass zentrale Formulierungen wie die hier eingangs zitierte von der "Analyseschleife" anderswo sehr ähnlich klingen:

"Das Problem mit den Zeitungen ist, dass sie sich noch in der selben Debatte wie vor zwei Jahren befinden",

sagt Linus Olsson, Chef des Onlinespendendienstes Flattr, im Interview mit taz.de. "Nämlich?", fragt Interviewr Stefan Mey nach.

"Die Debatte lautet: 'Wir müssen Paywalls ausprobieren'. Ich glaube, erst wenn sie das getan haben und merken, dass es doch nicht so läuft wie geplant, sind sie bereit, etwas anderes auszuprobieren. ..."

Was Paywall-Planungen deutscher Zeitungen betrifft, hat das Handelsblatt eine, was deren Erfolgsaussichten betrifft, skeptische Übersicht erstellt. Über die Wall der Braunschweiger Zeitung, die gerade als angeblich "erste Regionalzeitung" mit "Bezahlschranke" etwas überregionale Aufmerksamkeit erfährt (Tsp. gestern), so ergießt sich online der erwartbare Hohn über sie. Wer darin ja oft gut ist: Christian Jakubetz in seinem Blog.

Nochmal kurz zurück zum Flattr-Chef-Interview: Olsson scheint etwas geknickt darüber zu sein, dass so wenige deutsche Zeitungen Flattr-Buttons haben:

"Viele Medien-Unternehmen sagen, dass es sich für sie wie Betteln anfühlt. Ich halte das für ein seltsames Argument. Wenn Sie am Tresen eines Cafés eine Trinkgeld-Büchse aufstellen, bedeutet das nicht, dass Sie betteln. ..."

Allerdings würden ihm Medien-Unternehmensberater vermutlich raten, eine leuchtendere Metapher zu verwenden, die Zielgruppen, die sich weder ganz zurecht, noch ganz zu Unrecht im pompösen Verfassungsrange sehen, mehr anspricht als eine Trinkgeld-Büchse am Tresen.

[+++] Die wohl präziseste Bezeichnung für die Leistung, die Flattr transparent und datensensibel anbietet, lautet Micropayment. Was es jetzt auch gibt: "Nano-Payments". Über das Bezahlmodell des französischen Unternehmens pennyread.com (vgl. Foto oben) informiert die TAZ auf ihrer Zeitungs-Medienseite. Der Gründer Emmanuel Valjavec hat

"... ein Modell vorgestellt, bei dem die Nutzer absatzweise Texte weiterlesen können, wenn sie hierfür bezahlen möchten: Entscheidet der Nutzer sich dagegen, bleibt der nächste Textabsatz verborgen. Klickt er auf o.k., bekommt er mehr zu sehen. Im Hintergrund zählt das Mautsystem von Pennyread mit, und jeder weitere Absatz soll den Nutzer nur wenige Cent kosten."

"Das wirkt auf den ersten Blick gut, wenn es auch nach französischen Autobahnen riecht", meint TAZ-Autor Falk Steiner, für besonders groß hält er die Durchsetzungs-Chancen der Idee dann aber nicht, einerseits aus technischen, nämlich Cookie-Gründen, andererseits, weil Google ähnliche Ideen auch bereits hege und Wettbewerber natürlich plattmachen würde.

[+++] Und wer ist Falk Steiner? Offenbar der, der früher Falk Lüke war. Vielleicht nicht direkt Hintergründe, aber eine Geschichte dazu erzählt wiederum, flattr-bar übrigens, Felix Schwenzel auf wirres.net.
 


Altpapierkorb

+++ Jetzt aber eine positive Meldung aus der holzverarbeitenden Medienindustrie! Sowohl bei Impulse als auch bei Börse online, also zwei Wirtschaftszeitschriften, die in der Gruner+Jahr-Wirtschafts-Gemeinschaftsredaktion mit der ehemaligen Tageszeitung FTD untergegangen schienen, könnten wieder auftauchen (Tagesspiegel). +++

+++ Auch aus Frankreich: neuer Stoff zum potenziellen Anheizen umfassenderer Krisen. Zum neuen Mohammed-Comic schreibt Joseph Hanimann in der Süddeutschen: "Die Reaktionen von islamischer Seite sind bisher so gut wie inexistent. Es ist, als wären die Frommen diesmal schlauer als die Frechen. Sollte das auch in den nächsten Tagen so bleiben, werden die in die Jahre gekommenen, ewig halbwüchsigen Spaßmacher von 'Charlie Hebdo' mit ihren Ladenhütern von Sex und Blasphemie eine neue Zielgruppe suchen müssen, um die Verkaufszahlen ihres Blättchens zu steigern." +++

+++ Haupt-Artikel der SZ-Medienseite: großes Interview von Claudia Tieschky (siehe Altpapierkorb gestern) mit ZDF-Intendant Thomas Bellut. Sagt er: "Ich bin gespannt, wie es für Joko und Klaas [die künftig ganz zu Pro Sieben wechseln; AP] läuft, ich wünsche ihnen alles Gute. Ich bin auch gespannt, wie eine Doppelmoderation auf Dauer funktioniert, die Letzten, die das so gemacht haben, waren Marianne und Michael. (lacht)" - fast so ein toller Gag, wie Bellut ihn im Juli im großen Zeit-Interview mit den Rollatoren machte. Sagt sie, Tieschky: "Marianne und Michael führen zu der Frage: Wann bringen Ihre Jungtalente eine Idee für den Samstagabend, mit der man Carmen Nebel ersetzen könnte?". Sagt er: "Carmen Nebel wollen wir nicht ersetzen. ... ...". Sagt sie: "Wann fusionieren ZDF und das Erste und nennen sich Goldener Herbst TV?.." +++

+++ Die FAZ-Medienseite ist heute eine RTL2-Themenseite: Peer Schader informiert über "Köln 50667" und das BTN ("Berlin Tag & Nacht")-Prinzip, auf dem auch die neue Daily basiert ("Wenn die Folge im Fernsehen zu Ende ist, werden die Geschichten der Protagonisten bei Facebook weitererzählt. In kurzen Einträgen oder Handyclips fassen sie ihre Gemütslage zusammen oder fragen die Nutzer bei einer schwierigen Entscheidung um Rat. Die Reaktionen sind überwältigend"). +++ Und Daniel Haas informiert über die die amerikanische Musical-Serie "Smash". +++

+++ Was ja auch noch läuft: Suhrkamp-Debattiererei, die weil von Journalisten mit mehr oder minder journalistischen Mitteln betrieben, ab und zu auch mal Altpapier-Thema war. Einen aktuellen Überblick bietet Carta. +++

+++ Was seit gestern (siehe Altpapier) auch läuft, und zwar unter Feuilletonisten oft derselben Blätter: die Debatte um die absurde Platzierung Jakob Augsteins auf der Antisemiten-Liste des Simon Wiesenthal Center. Weniger lauwarm als vorherige Mitdiskutanten äußert sich Christian Bommarius in FR/ BLZ: "... Es spricht für den deutschen Rechtsstaat, dass Henryk M. Broder bis heute frei herumläuft, aber es spricht gegen das Simon-Wiesenthal-Center, dass es den Lügen und Verleumdungen dieser trostlosen Witzfigur aufgesessen ist." +++

+++ Inzwischen auch ins Internet gerückt: Ulrike Simons lesenswertes BLZ-Interview mit Renate Köcher vom Allensbacher Demoskopie-Institut. "Oft werden die sinkenden Reichweiten bei Tageszeitungen und die steigenden Internetreichweiten als bloßer Substitutionsprozess interpretiert. Tatsächlich verändert sich jedoch zur Zeit das Informationsverhalten von Grund auf, wächst von der regelmäßigen 'Informationsernährung' hin zu einer Information on demand, bei Bedarf. Das ist eine gravierende Veränderung", sagt diese zum Beispiel. +++

+++ Was ja auch noch läuft und oben angedeutet war: die Verlage-Offensive gegen die neue Haushaltsabgabe. "Die Drogerie-Kette Rossmann zahlte bisher für ihre 1559 Filialen und 473 Autos 35.000 Euro Gebühren im Jahr. Jetzt sollen es 402.000 Euro sein - eine Steigerung von 1300 Prozent..." (bild.de). +++

+++ Was heute im öffentlich-rechtlichen Fernsehen läuft (NDR, 22.00 Uhr) und schon seit Tagen viel Lob nach sich zieht bzw voraus empfängt: die Serie "Der Tatortreiniger". Aktuelles Lob kommt von Stefan Niggemeier, dem der Spiegel das dortige Lob "etwas verstümmelte", und von Peer Schader im Fernsehblog ("Was haben der NDR und ein Axtmörder, der gerade seine Ehefrau zerstückelt hat, gemeinsam?"). +++

+++ Über die Gesellschaft namens "Schätze des deutschen Films" (SDDF) und neue Hoffnungen, die fürs "deutsche Filmerbe" aufs Internet gesetzt werden, informiert der Tagesspiegel. +++

+++ Und mit den Worten Portugal "wusste sich nie popästhetisch in andere Länder hinein mitzuteilen" hält Jan Feddersen (TAZ) ein flammendes Plädoyer für die grundsätzliche Abschaffung des "Eurovision Song Contest". +++

Neues Altpapier gibt's wieder am Freitag.

 

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